Tageslosung

Die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine:
Sonntag, 20. Mai 2012:
Losungstext:
Wer Dank opfert, der preiset mich, und da ist der Weg, dass ich ihm zeige das Heil Gottes.
Psalm 50,23
Lehrtext:
Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!
1.Korinther 15,57

Beiern in Wallenbrück


Gerd Heining beim Beiern

 

Gerd Heining berichtet über die Schwierigkeiten, einen alten Brauch wieder zu beleben:

 

An hohen Festtagen wurde in Wallenbrück eine halbe Stunde vor Beginn des Gottesdienstes „gebeiert". Da der Posaunenchor im Festgottesdienst mitwirkte, entwickelte sich seit Anfang der zwanziger Jahre ein interes­santes wechselseitiges Musizieren mit Choralblasen, Beiern, Choralblasen, Beiern usw., bis das allgemeine Geläut unmittelbar vor Beginn des Gottes­dienstes einsetzte. Diese aufwändige Version des Wallenbrücker Glocken­spiels hat seinen festen Platz im kirchlichen Brauchtum der Gemeinde noch nicht wieder eingenommen. Lediglich das Weihnachtsläuten erklingt seit 1995 regelmäßig im Wechsel mit den Chorälen der Turmbläser nach dem Mitternachtsgottesdienst am Heiligen Abend.

 

JOSEF MICHELIN NOS TRES FECIT A° 1651so steht es auf der kleinen, etwa zehn Zentner schweren Glocke des Wallenbrücker Dreiergeläutes. „Joseph Michelin machte uns drei im Jahre 1651." Die vorherigen Glocken waren bei einem Kirchenbrand zerstört worden. In der Nachbarschaft der Kirche, „Up Schloijems Kampe", wurden für 61 Taler, aufgebracht in einer Sammelaktion und durch den Verkauf eines Dorfteiches, neue Glocken von dem Gütersloher Meister Michelin und seinen Leuten gegossen.

Die größte Glocke muss zu ­Beginn des 19. Jahrhunderts unbrauchbar geworden sein. Denn auf der größten Glocke des jetzigen Geläutes wird 1816 als Herstellungsjahr genannt. Seither begleiten die Glocken in der gegen­wärtigen Zusammenstellung die Wechselfälle im Leben der Gemeindemitglieder, rufen zu Gottesdiensten oder alarmierten in früheren Zeiten die Helfer in Katastrophenfällen

 

Im Ersten Weltkrieg entgingen die Bronzeglocken der drohenden „Kano­nisierung" durch die Hinhaltetaktik des mit der Demontage beauftragten ortsansässigen Maurermeisters. Im Zwei­ten Weltkrieg war die große Glocke be­reits auf dem „Glockenfriedhof" in Hamburg gelandet. Die kleine hatte die Kirchengemeinde Spenge entliehen, weil die dortigen Stahlglocken in Kriegsgerät umgewandelt worden waren. Schon im Jahre 1946 gelang es aber, das Geläut wieder im heimatlichen Glockenstuhl in Wallenbrück zu vereinigen.

Vor der Erfindung der Läutemaschinen müssen die Glockenklänge bei den Läutearten von Hand außerordentlich vielfältig und kunstvoll gewesen sein. Die maschinellen Läutevorrichtungen verminderten den menschlichen Kraftaufwand für das Läuten nicht nur quantitativ, sondern im selben Zuge wurde auch der Nuancenreichtum der Töne eingeschränkt.

 

Drei Techniken

 

In Wallenbrück war bis vor einer Ge­neration an hohen Festtagen das „Beiern" zu hören. Das Wort leitet sich aus dem mittelniederländischen 'Beiaert – Glockenspiel – her und breitete sich über den gesamten norddeutschen Raum als Bezeichnung für eine bestimmte Art des Handläutens aus. Das zugehörige Verb „beiaerden" meint „die unbewegten Glocken mit den Klöppeln anschlagen". (Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1963)

Nach Halekotte/Best (Die deutschenGlockenlandschaften, München, 1989, Hrsg. Kurt Kramer, darin: Westfalen,Bearb. Claus Peter) lassen sich drei Techniken des Beierns näher bestimmen:

 

1. Anschlagen mehrerer Glocken, gleich bleibend in Melodie und Rhythmus

2. Rasches Anschlagen mehrerer Glocken in kunstvollen, häufig wechselnden Rhythmen, Melodien, Tempi ..."(Beiern im engeren Sinne)

3. Durchziehen einer Glocke, ... zu der die übrigen Glocken in verschiedenen Rhythmen „eingestoßen", d.h. angeschlagen werden ...

 

Das Wallenbrücker Beiern lässt sich den beiden erstgenannten Techniken zuordnen.

Die Einführung der Läutemaschinen führte nicht nur zu einer Vereinfachung des Geläuteklanges. Die aufwändige Handarbeit konnte man auch immer weniger im finanziellen Rahmen des Küstergehalts berücksichtigen. Außerdem entfielen in neuerer Zeit auch kirchliche Anlässe, für die in jeweils besonderer Weise geläutet wurde. Als Beispiele seien der Kindergottesdienst genannt, der nicht mehr am Sonntagnachmittag veranstaltet wurde, oder die Beerdigungen, deren Ablauf sich nach dem Bau der Friedhofskapelle änderte

 

Das Beiern wieder beleben

 

Als eine Version des Wallenbrücker Glockenspiels konnte bis in die jüngste Vergangenheit hinein das Weihnachts­läuten durchgeführt werden, weil es leicht zu handhaben und eben nur ein­mal im Jahr erforderlich war. Die Glocken wurden dabei in einem langsamen Tempo in der Tonfolge gis', fis', gis', e' angeschlagen und begleiteten die Kirchgänger nach dem Heiligabendgottesdienst auf dem Heimweg.

 

Der Volksmund unterlegte die Melodie mit dem Text „Das Christkind kommt". Als „Nachtsang" (plattdeutsch) = Nachtgesang ertönte diese Melodie in der Zeit zwischen dem 10. -November (Martinstag) und dem 2. Februar (Licht­mess) samstags ab 18 Uhr eine Stunde lang. Merkwürdigerweise änderte sich die Textunterlegung während dieser Zeit zur plattdeutschen Version „Pas – teo – er drömt".

Bei den Vorbereitungen zum Spenger Geschichtsfest 1995 wurde der Wunsch geäußert, das „große" Beiern wieder zu beleben. Die Verwirklichung erwies sich als schwierig, weil alte Fo­tos und Reste der Anlage nicht genug Anhaltspunkte lieferten, um eine Rekonstruktion der Seilzugvorrichtung zu den Klöppeln zu bewerkstelligen. Auch das Erinnerungsvermögen des zuletzt tätigen „beiaerdeurs" aus der ehemaligen Küsterfamilie half nicht weiter. Schließlich baute der Glocken­sachverständige der westfälischen Lan­deskirche, Claus Peter (Hamm), eine ganz neue Stellage. Zum plattdeutschen Gottesdienst beim Geschichtsfest wurde nach langer Pause wieder gebeiert.

 

In musikalischer Notation ist das Wallenbrücker Beiern so darzustellen:

Die Glocken werden an- und abschwellend in rascher Tonfolge mit den Klöppeln angeschlagen. Auf dem Hö­hepunkt des dritten Crescendos wird diese Läuteeinheit mit einem besonders markanten Schlag an die große Glocke beendet.

Zur „Hoch"-Zeit der Läutekultur erklang das Geläut am Tag vor Weihnachten, Ostern und Pfingsten etwa 20 Minuten lang in folgender Reihenfolge:

 

1. Beiern

2. ca. 15 Minuten allgemeines Geläute (Taktläuten)

3. Beiern

 

In neuester Zeit bereitete den Wallenbrückern der Zustand der Glocken Sorge. Die Glockenkörper waren so renovierungsbedürftig, dass der Sachverständige der Landeskirche eine Reduzierung der Läutezeiten verfügte. Das Beiern beansprucht die Glocken weniger stark als das Maschinenläuten. Deshalb war es noch uneingeschränkt möglich. Inzwischen hat eine Firma in Nördlingen die Glocken überholt.

Ob es zukünftig gelingt, wenigstens einige Versionen des Handläutens dauerhaft zu pflegen, entscheidet sich am ehrenamtlichen Engagement kulturbewusster Gemeindeglieder. Die Ansätze lassen hoffen.